Jurist Hans-Ludwig Sinning erinnert sich an seine Kollegin

Kassel – „Die Frau Doktor – ich könnt’ se knuddeln.“ Einer, der sich ganz besonders über das neue Denkmal für Elisabeth Selbert auf dem Scheidemannplatz freut, ist Hans-Ludwig Sinning. Er hat keine Scheu, der lebensgroßen Bronze-Skulptur von seiner ehemaligen Kollegin, einen Arm um die Schulter zu legen. „Das sieht doch genau so aus, als sei sie geradewegs aus der Tür ihrer Kanzlei getreten, um sich forschen Schrittes auf den Weg ins Gericht zu machen“, sagt Sinning. Er befindet das Abbild von der resoluten Frau mit der Aktentasche unterm Arm, das die Bildhauerin Karin Bohrmann-Roth aus Anlass von Selberts 125. Geburtstag angefertigt hat, als „sehr gelungen“. „So war sie.“ Vor allem vor dem Hintergrund, dass Selbert im heutigen Haus der Handwerkskammer – „hier im zweiten Stock“ – ihre Kanzleiräume hatte, findet er den Standort ideal gewählt.

Der 77-jährige Notar i.R. hat eine persönliche Beziehung zur berühmten Juristin, Politikerin und Ehrenbürgerin der Stadt: In ihrer Kanzlei hatte er nach seinem Jurastudium in Marburg und dem zweiten Staatsexamen als „junger Anwalt mit frischer Zulassung“ 1976 seine berufliche Karriere begonnen. Da waren die Räume der „Sozietät Selbert – Elsensohn“ allerdings noch nicht am Scheidemannplatz, sondern an der Adresse Obere Königsstraße 7, dem Eckhaus zur Fünffensterstraße, beheimatet. Davor sei die Kanzlei in der Goethestraße und danach in der Oberen Königsstraße 12 gewesen.

Die Frau Doktor, wie Sinning Elisabeth Selbert ehrfürchtig nennt, war damals 80 Jahre und älter. „Ja, sie hat in dem Alter noch als Notarin praktiziert und war beim OLG zugelassen.“ Allerdings sei sie immer erst mittags in der Kanzlei aufgetaucht. Dorthin hatte sie häufig eine Verwandte begleitet.

„Sie war eine tolle Frau“, sagt Hans-Ludwig Sinning. Er habe viel von ihr gelernt. Beeindruckt habe ihn Selberts Doktorarbeit über „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“ aus dem Jahr 1930. Fast 50 Jahre bevor 1977 das Scheidungsrecht mit Blick auf die Frauen reformiert wurde. Das Engagement für Frauenrechte habe sich wie ein roter Faden durch ihr Leben gezogen. Mit dem Gleichheitsartikel im Grundgesetz sei Selbert schließlich in die Geschichte eingegangen. Sinning hat später das Notariat von Elisabeth Selbert übernommen. Ihr Name war auf dem Firmenschild bis zum Schluss, auch nach ihrem Tod, vermerkt.

Erst viel später erfuhr Sinning von seinem Vater, dass es noch eine zweite Verbindung zu Elisabeth Selbert gibt. Als Sinnings Familie in den 1940er-Jahren in Melsungen wohnte, weil sie in Kassel ausgebombt war, hießen ihre Nachbarn Selbert. Jeden Morgen sei Elisabeth Selbert mit Sinnings Vater von Melsungen aus mit dem Zug nach Kassel zur Arbeit gefahren.


HNA 30. September 2021

 


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